Buchrezension,  Jugendroman

Buchrezension zu »Nur mit dir« von Emilie Turgeon | Wie eine Jugendliche ihr Gehör und die Liebe (wieder)findet

Reiseziel mit Buch: Québec (französischsprachige Provinz in Kanada) ǀ Buchart: Einzelroman ǀ Film zum Roman: Bisher nicht in Sicht

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Kurzbeschreibung:

Mit 8 Jahren verliert Roxanne bei einem tragischen Ereignis ihr Gehör: Psychogene Taubheit nennen es ihre Ärzte. Sie lebt daraufhin ein Leben in absoluter Stille. Das ist gar nicht so leicht. Vor allem als Teenagerin in einer kanadischen Kleinstadt mit den üblichen Mädchenproblemen. Dann geschieht das absolut Unfassbare: Sie trifft Liam und meint in seiner Gegenwart plötzlich wieder hören zu können. Doch sobald er nicht mehr bei ihr ist, kehrt die Stille zurück. Kann das überhaupt sein oder ist es nur Zufall? Vielleicht ist Liam ja Roxannes ganz persönliche Rettung?

© Bild-/Textquelle: dtv Verlag

Originaltitel: Le silence est d’or ǀ Veröffentlichung: 21. August 2020 ǀ Verlag: dtv (Reihe Hanser) ǀ Autorin: Emilie Turgeon ǀ Übersetzung: Tatjana Michaelis ǀ Broschur: 304 Seiten ǀ ISBN: 978-3-423-65033-5 ǀ Preis: 15,95 €

Wer muss bei dem Buchtitel »Nur mit dir« auch sofort an die gleichnamige Nicholas Sparks Verfilmung mit Mandy Moore und Shane West in den Hauptrollen denken? Mit dem Jugendroman von Emilie Turgeon hat der Film ansonsten aber wenig gemein. Bei uns ist die französische Kinder- und Jugendbuchautorin bisher auch eher unbekannt und gilt (laut Autorenvita des dtv Verlages) als eine Neuentdeckung im deutschsprachigen Raum. Wen(n) das nicht neugierig macht!

Eine kleine Buchentdeckung ist »Nur mit dir« für mich durchaus. Gemeinsam mit der 16-jährigen Roxanne taucht man in die Welt der Gehörlosen ein. Denn die Ich-Erzählerin ist seit dem achten Lebensjahr taub. Warum weiß niemand genau – weder die besorgten Eltern noch der Psychologe an Roxannes Schule, die auf Schüler mit Handicap spezialisiert ist. Fakt ist: Roxanne leidet unter einer psychogenen Taubheit. Die Ursachen sind also keineswegs physischer Natur. Stattdessen hat ihre kindliche Seele die Ohren vor der Welt verschlossen und diese seither nie wieder geöffnet. Dem Auslöser für das verdrängte Trauma wird peu á peu auf den Grund gegangen. Das hält die Spannungskurve konstant aufrecht und am Ende schockierende Erkenntnisse bereit.

Unterstützung bekommt Bücherwurm Roxanne derweil nicht nur von ihren sympathisch gezeichneten Brüdern Fred und Jim. Denn als sie auf einer Party auf den attraktiven Liam trifft, verschwindet die Stille plötzlich. Roxanne kann hören! Allerdings nur, wenn Liam in der Nähe ist. Wie könnte sie da nicht seine Nähe suchen und sich von ihm auf ein Coldplay Konzert entführen lassen? Natürlich rein freundschaftlich! Liam hat schließlich eine Freundin, die allen Grund zur Eifersucht hat.

Ich liebe das Leben, ich liebe die Menschen, ich möchte nur, dass es zu den Bildern auch einen Ton gibt!

Zitat aus Seite 18 »Nur mit dir« von Emilie Turgeon

Es ist schon faszinierend, in die stille Welt von Roxanne einzutauchen. Von ihrem vibrierenden Wecker am Morgen bis hin zu den besten Freunden Lucie und Jacob, die ebenfalls gehörlos sind und wie Roxanne das Lippenlesen perfektioniert haben. Einen Film ohne Untertitel schauen oder ein herannahendes Auto hören, all das ist für Roxanne keine Selbstverständlichkeit. Die Kommunikation findet zum Teil in der Gebärdensprache statt. Diesen Umstand merkt man als Leser/in allerdings kaum. Emilie Turgeon beschreibt zwar einige Gesten (z. B. die Rock-Hand für »Ich liebe dich«), die Dialoge in Gebärdensprache werden aber hauptsächlich durch eine kursive Schrift hervorgehoben. Die Momente, in denen Roxanne wieder Geräusche wahrnimmt, sei es im Kino oder auf einem Konzert, finde ich in der Übersetzung von Tatjana Michaels ebenfalls anschaulich dargestellt.

Warum »Nur mit dir« für mich eine kleine Buchentdeckung ist, aber keine große? Die Liebesgeschichte ist süß, für meinen Geschmack aber mit vielen anderen aus dem Genre Young Adult vergleichbar – manch (Charakter)Klischee inklusive. Eine Geschmacksfrage! Da ist z. B. die unsympathische Freundin von Liam, die keineswegs unbegründet das eigene Revier markiert. Gegen die vertraute Verbindung zwischen Roxanne und Liam hat sie definitiv keine Chance. Mir wird die Freundschaft zwischen Lucie, Jacob und Roxanne überdies zu stark auf die Gehörlosigkeit reduziert. Roxanne ist ein Mädchen, das keine Aufmerksamkeit mag und vieles für sich behält. Fast all ihre Gedanken und Entscheidungen kreisen um die Taubheit und erschweren eine Freundschaft auf Vertrauensbasis, vor allem in Bezug auf Lucie. Mir persönlich fehlte ein komplexerer Blick auf die Mitmenschen, fernab der Stille. Am Ende bekam ich fast den Eindruck, als sei eine Freundschaft zwischen Hörenden und Nichthörenden nahezu unmöglich. Die Auflösung um Roxannes Trauma und ihren Umgang mit der brisanten Wahrheit finde ich wiederum glaubwürdig und keinesfalls vorhersehbar ins Gesamtbild gesetzt. Trotz Kritik ist »Nur mit dir« ein für mich lesenswertes Buch!


Fazit


»Nur mit dir« von der französischen Autorin Emilie Turgeon ist für mich eine kleine Buchentdeckung. Mit der 16-jährigen Roxanne in die Welt der (psychogenen) Gehörlosigkeit einzutauchen und ein schockierendes Erlebnis aus der Vergangenheit zu ergründen, war für mich faszinierend und fesselnd zugleich. Bei der (für mich) schablonenhaft angelegten Liebesgeschichte ist der Funke allerdings nicht komplett übergesprungen. Das ist aber Geschmackssache! Insgesamt ein lesenswerter Jugendroman mit einer brisanten Auflösung – die am Ende nicht nur einige der Nebenfiguren sprachlos macht.


Weitere Rezension(en) zum Buch bei: Jacki von Liebe dein Buch


Transparente Information:
Die Buchbesprechung bezieht sich auf ein selbstgekauftes Buch und die Anzeige in der Produktinformation auf den Verlagslink, da dort das Buch zum Direktkauf angeboten wird. Ich selbst verdiene keinen Cent mit der Verlinkung. Überdies bilde ich mir stets meine eigene Meinung und tue diese auch unbeeinflusst kund.

© Buchrezension by www.filimure.de | Autorin: Doreen

4 Comments

  • Jacki von "Liebe dein Buch"

    Liebe Doreen,

    eine schöne Rezension! 🙂 Am Anfang des Buches ging es mir ganz ähnlich wie dir. Ich fand die Erzählperspektive einer Gehörlose sehr interessant. Man hat unglaublich viel über das eingeschränkte Leben und die Gebärdensprache gelernt. Dinge, an die ich so vermutlich nie gedacht hätte. Zum Beispiel der vibrierende Wecker.
    Leider gab es darüberhinaus zu viele Punkte, an denen ich mich gestört hatte. Dinge, die du teilweise auch angemerkt hast. Die Liebesgeschichte überzeugt nicht, wodurch der „Schlüsselmoment“ des Wiederhörens unglaubwürdig für mich wurde. Außerdem fand ich Roxannes Verhalten und Gedanken gegenüber ihren Freunden oft unschön, überheblich oder egoistisch.
    Aber insgesamt eine gute Geschichte um Jugendliche an das Leben von tauben Menschen heranzuführen.

    Ich habe deine Rezension in meinem Bereich „Weitere Rezensionen“ verlinkt. Wenn das nicht okay ist, dann melde dich bitte bei mir 🙂

    Liebe Grüße
    Jacki von „Liebe dein Buch“

    • Doreen

      Hallo Jacki,

      lieben Dank für deinen Kommi und die Verlinkung. Ich verlinke deine Rezension auch gerne hier. So zum Vergleich für geneigte Leser/innen. 🙂

      Ich kann dir auch nur zustimmen. Ich fand es wirklich spannend, in die Welt der Gehörlosen einzutauchen. Hier wird einem doch bewusst, was man alltäglich als selbstverständlich annimmt und wie es eben ist, wenn man von Stille umgeben ist. Ja, Roxanne wird leider nicht nur sympathisch dargestellt. Ich habe versucht, ihre Ich-Bezogenheit in der Rezension etwas zu umschreiben. Aber du hast schon recht: Zum Teil reagiert sie – gerade ihren Freunden gegenüber – schon egoistisch und ist eben in ihrer eigenen Situation gefangen. Einerseits konnte ich das verstehen, anderseits geht es mir wie dir. Und die Liebesgeschichte traf leider auch weniger meinen persönlichen Geschmack. Eine jüngere Zielgruppe dürfte sich aber vielleicht angesprochen fühlen. Im Ganzen fand ich das Buch dann doch lesenswert – mit einigen Abstrichen. 🙂

      Viele Grüße
      Doreen

      • Jacki von "Liebe dein Buch"

        Liebe Doreen,

        vielen Dank für die Verlinkung – das wäre gar nicht nötig gewesen 🙂

        Für jüngere Leser*innen ist das Buch sicherlich geeignet, da hast du recht. Vielleicht können diese sich auch noch mehr mit dem Verhalten von Roxanne identifizieren.

        Und lesenswert würde ich auch sagen, weil man einfach so viel neues dazugelernt hat.

        Liebe Grüße
        Jacki

        • Doreen

          Hi Jacki,

          gerne. Ich finde das eine gute Idee (zum Vergleich). 🙂

          Und genau. Gerade mehr über Gehörlose und auch die psychogene Taubheit zu erfahren, macht diesen Roman auf seine Weise doch interessant. Auch wenn sich die Autorin wohl ein paar künstlerische Freitheiten erlaubt hat.

          Viele Grüße
          Doreen

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