Buchrezension,  Klassiker

Buchrezension zu »Das Schloss in den Wolken« von Lucy Maud Montgomery ǀ Ein kanadischer Klassiker über gesellschaftliche Zwänge und weibliche Selbstbestimmung

Anzeige

Kurzbeschreibung:

Valancy Stirling ist das Gespött ihrer Familie. Weit über zwanzig und noch immer unverheiratet! Nicht mal einen Verehrer hatte sie bisher! Dann passiert etwas, das ihr Leben radikal verändert. Und Valancy fasst sich ein Herz. Sie wird sich nicht mehr an die beengenden Konventionen halten, nicht mehr zu den ermüdenden Familientreffen gehen und sich nicht mehr von Onkel Benjamin triezen lassen. Stattdessen spricht sie die Wahrheit aus. Verlässt das Haus. Sucht sich eine Anstellung. Verliebt sich. Und findet das blaue Schloss, den Zufluchtsort ihrer Tagträume, endlich im richtigen Leben.

© Bild-/Textquelle: Carlsen Verlag

Erscheinung: 24.04.2015 ǀ Autorin: Lucy Maud Montgomery ǀ Verlag: Königskinder (Carlsen) ǀ Originaltitel: The Blue Castle ǀ Übersetzung: Nadine Püschel ǀ eBook: 368 Seiten ǀ Empfehlung: ab 14 Jahren ǀ ISBN: 978-3-646-92754-2 ǀ Preis: 12,99 €

Dies ist mein erster Roman der kanadischen Autorin Lucy Maud Montgomery, die mir zuvor unbekannt war. Dabei lächelte mich Montgomerys erfolgreiche Buchreihe um „Anne auf Green Gables“ des Öfteren bei Netflix an – verfilmt als Serie (aktuell zwei Staffeln) unter dem Titel „ANNE WITH AN E“. Umso verwunderlicher ist es, dass die Übersetzung von „The Blue Castle“ (ein unabhängiger Einzelroman) lange auf sich warten ließ. Der kanadische Klassiker aus dem Jahre 1926 erschien in Deutschland nämlich erstmals 2015 beim Königskinder Verlag (ein ehemaliges Imprint des Carlsen Verlages), übersetzt von Nadine Püschel. Und das Ergebnis liest sich fabelhaft!

Nun gut, anfangs könnte die Lesefreude leicht getrübt werden. Die 29-jährige Valancy Stirling badet nämlich im Selbstmitleid, indes für die wortreiche Vorstellung ihrer Familie viel Raum geboten wird. Dabei hat es die passionierte Leserin von Naturbüchern wahrlich nicht einfach. Als Frau ohne einen Mann an ihrer Seite ist sie ein schwarzes Schaf in der Gesellschaft. Nirgends ist ein Heiratskandidat in Sicht. Die Zahl an Freundinnen begrenzt sich ebenfalls auf null.

Gegenwärtig könnte sich die unverstandene Protagonistin vielleicht Freunde über das Internet suchen oder ein Profil bei einer Dating-Plattform einrichten. In früheren Zeiten gestaltete sich das Ganze schon schwieriger. Vor allem, wenn eine Frau als weniger attraktiv eingestuft und mit fast dreißig Jahren als ‚Alte Jungfer‘ abgestempelt wurde. Single zu sein war eben nicht zu allen Zeiten im Trend und feministische Selbstbestimmtheit keine Selbstverständlichkeit. Wobei das auch heute leider nicht überall auf der Welt gilt. Da darf man schon mal träumen. Wie Valancy, die in ihrem Blauen Schloss dem Eskapismus frönt, nichtsahnend, dass eine verstörende Botschaft sie genau dort hinführen wird. Wobei die Autorin hier geschickt mit vorausblickenden Andeutungen zu spielen weiß, was neugierig macht.

Sie ließen das Reich des Alltäglichen und Altbekannten hinter sich und landeten im Reich des Geheimnisvollen und Verwunschenen, wo alles geschehen und alles wahr sein konnte.

(Zitat aus Seite 223)

Bis Valancy ihre Metamorphose einleitet, begleitet der Leser sie aber erst einmal durch den tristen Familienalltag, bestehend aus häuslicher Ordnung und familiären Boshaftigkeiten, die mit ausufernden Vergleichen der wunderschönen Cousine Olive unterstrichen werden. Geschmackssache! Lichtblicke bilden die poetischen Buch-im-Buch-Auszüge von Valancys Lieblingsautor John Forster, der sie mit Sätzen wie „Nahezu alle Übel auf der Welt gehen darauf zurück, dass jemand vor etwas Angst hat.“ aus der Komfortzone lockt und überdies den heutigen Zeitgeist trifft. Von nun an geht es stetig bergauf. Valancy blüht stückweise auf und ist zu Entscheidungen und Veränderungen im Stande, die auf den ersten Seiten undenkbar erschienen. Das Mitzuerleben machte mir, im Gegensatz zu der plötzlich entsetzten Familie Stirling, unheimlich Spaß. Zumal die Autorin zuweilen die Perspektive ändert und Einblicke in die Gedanken und Gespräche der übrigen Verwandtschaft gewährt.

Am Ende ergibt sich daraus eine amüsante Gesellschaftssatire, die aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig überholt daherkommt, zur damaligen Zeit jedoch passt und irgendwie schon wieder zeitgemäß ist. Eine zarte Liebesgeschichte wird ebenfalls geboten. Diese ist in den Grundzügen zwar vorhersehbar (die Hinweise sind einfach zu eindeutig), dadurch aber nicht minder lesenswert. Hier zahlt sich aus, dass Lucy Maud Montgomery ein bildhaftes Auge für Details hat und die Figuren aneinander wachsen lässt. Romantik kommt an zweiter Stelle! Stattdessen rückt die Liebe zur Natur in den Vordergrund. Gemeinsam mit Valancy darf der Leser märchenhaft inszenierte Ausflüge in den Wäldern Kanadas genießen, die ein Gefühl von Freiheit und Zwanglosigkeit verströmen. Gleiches gilt für die Freundschaft zwischen Valancy und einem unangepassten Outsider, die auf Respekt und Freiräumen füreinander aufbaut. Da erscheint es völlig nebensächlich, dass im letzten Akt ein Unwetter heraufbeschworen wird, das man schon lange am Himmel hat aufziehen sehen.  


Fazit


Ein kanadischer Klassiker über gesellschaftliche Zwänge und weibliche Selbstbestimmung. Insgesamt eine (teils) amüsante Gesellschaftssatire in malerischer wie fabelhafter Kulisse Kanadas. Höchst empfehlenswert!


Transparente Information: Hierbei handelt es sich um ein von mir selbstgekauftes Buch. Die ANZEIGE in der Produktinformation bezieht sich auf den Verlagslink, da dort das Buch zum Direktkauf angeboten wird. Ich selbst verdiene keinen Cent mit der Verlinkung. Überdies bilde ich mir stets meine eigene Meinung und tue diese auch unbeeinflusst kund.

© Buchrezension by www.filimure.de / Autorin: Doreen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.