Buchrezension,  Jugendroman

Buchrezension zu »Auf und Davon« von Daniel Arnold ǀ Ein kurioser Roadtrip mit charakterlichen Merkwürdigkeiten

Anzeige

Kurzbeschreibung:

Wer würde nicht gerne einfach mal verschwinden? In den nächsten Bus springen und alles hinter sich lassen? Genau das macht die sechzehnjährige Mim Malone. Es reicht ihr, immer das zu tun, was ihr Vater und seine neue Frau für richtig halten. Sie will wissen, weshalb ihre Mom aus ihrem Leben verschwunden ist. Und ihre Gedanken sollen endlich aufhören, in ihrem Kopf Karussell zu fahren. Also steigt sie einfach in den Greyhound-Bus und haut ab, zu ihrer Mom. Während draußen die Landschaft vorbeifliegt, macht Mim einige unvergessliche Bekanntschaften – die wunderbare Arlene, den unheimlichen Ponchomann und den äußerst attraktiven Beck, an den sie ihr Herz zu verlieren droht …

© Bild-/Textquelle: Heyne Fliegt

Erscheinung: 24.08.2015 ǀ Autor: David Arnold ǀ Verlag: Heyne fliegt ǀ Altersempfehlung: ab 14 Jahren ǀ Originaltitel: Mosquitoland ǀ Übersetzung: Astrid Finke ǀ Hardcover: 384 Seiten ǀ ISBN: 978-3-453-26983-5 ǀ Preis: 14,99 €

Der Debütroman von David Arnold soll (laut einem irgendwo aufgeschnappten Slogan) etwas für Fans von Adriana Popescus „Ein Sommer und vier Tage“ sein. Dem wiederspreche ich! Denn außer der spontanen Roadtrip-Thematik haben beide Romane nicht viel miteinander gemein. Das eine ist ein sommerlicher Roadtrip dem Erwachsenwerden entgegen – süß, romantisch und ein leicht bekömmlicher Lesesnack für Zwischendurch. „Auf und davon“ hingegen bietet einen irrwitzigen Roadtrip mit einer sonderbaren Ich-Erzählerin, die selbst weiß, dass etwas mit ihr nicht stimmt und diese Tatsache immer wieder unter Beweis stellt. Sowieso ist hier alles irgendwie sonderbar. Die Geschichte an sich, die Charaktere, die Begegnungen… Und weil die 16-jährige Erzählerin (nach eigener Aussage) nichts so sehr hasst, wie ein vorhersehbares Ende, darf man sich auch als Leser überraschen lassen, welchen Umweg das Mädchen – bewaffnet mit Rucksack, Kaffeedose und Lippenstift – als nächstes einschlagen wird und welch ebenso seltsame Zeitgenossen indes ihren Weg kreuzen werden.

Dank des dynamischen Einstiegs geht es auch gleich flott voran. Ein Brief an eine mysteriöse Isabel, erläutert dem Leser kurz das Problem der 16-jährigen Mim, die bei ihrem überfürsorglichen Dad + ungeliebter Stiefmutter wohnt. Sie schnappt ein kurzes Gespräch auf und weiß: Ihre anscheinend kranke Mutter, die eines Tages einfach von Mims Bildfläche verschwand, braucht dringend Hilfe. Mim (eine kreative Abkürzung für Mary Iris Malone) fackelt nicht lange und macht sich nur wenige Seiten später auf den Weg. 1524 Kilometer hat sie eingeplant, mit dem Greyhound-Bus von Jackson, Mississippi nach Cleveland.

Die Geschichte wechselt nun immer wieder zwischen der „gewöhnlichen“ Ich-Erzählung und Mims Briefen an Isabel, die an Tagebucheinträge erinnern. Es erklärt sich zwar bald ein (schwammiger) Zusammenhang zwischen Isabel und Mim, aber was es genau mit der „Briefempfängerin“ auf sich hat, erfährt man erst später. Nicht minder interessant gestaltet sich das Geheimnis um Mims Mum. Kleine Hinweise in Form von Zettelbotschaften lassen erahnen, in welche Richtung es gehen könnte, es bleibt dennoch spannend und die Story überwiegend unkalkulierbar. Mims Bereitschaft für ihre Mum sofort in die Bresche zu springen, hebt die Sympathie ebenso wie ihr Umgang mit Menschen, die auf ihre Weise anders und doch besonders sind – wenngleich Mims Wesen im Ganzen durchaus befremdet.

Mim lässt sich in keine Schublade stopfen. Ihr Ich-Erzählstil ist genauso außergewöhnlich wie ihr abgeklärter Charakter. Ihre körperlichen Defizite erweisen sich als eigen/originell und zugleich unappetitlich in prekären Situationen. Zudem weiß man lange Zeit nicht, ob ihre Verrücktheit wirklich so ausgeprägt ist wie von ihrem Vater einst diagnostiziert oder ob diese vielmehr einer überfürsorglichen Paranoia entspringt. Mims Gedanken kommen unterdessen irrwitzig, gebildet und anschaulich skizziert zum Ausdruck – etwa, wenn von der „Vollendung einer Metamorphose“ oder einem ausgestopften Grizzlybären die Rede ist. Für einen Jugendroman erweist sich die Handschrift des Autors schon als sehr abgehoben und speziell. Das dürfte unter Umständen nicht jeden Geschmack treffen und sogar eher eine erwachsenere Leserschaft ansprechen. Doch wer viele Metaphern und eine kreative Ausdrucksweise in Romanen mag und dabei gerne auf bizarre wie wundersame Außenseiterfiguren trifft, dürfte mit „Auf und davon“ gut bedient sein.

Bald schon verändert manch Begegnung Mims Leben nachhaltig. Schließlich macht gerade das Potpourri an charakterlichen Merkwürdigkeiten die Geschichte aus und treibt sie voran. Da wäre eine ältere Dame, die nach frisch gebackenen Keksen duftet und Mim bald auf ungeplante Pfade zu einem mysteriösen Ahab führt – die Namensinspiration aus „Moby-Dick“ ist keinesfalls zu weit hergeholt. Für Gänsehaut sorgt überdies ein schauriger Ponchomann, der Mims Allarmglocken zu Recht schrillen lässt, während Walt, der Junge mit dem Zauberwürfel und einem Faible für alles was glitzert, in Mim warmherzige Erinnerungen auslöst. Naja, und der attraktive junge Mann aus Sitzreihe 17C soll ebenfalls eine kleine Rolle in Mims mitunter schwärmerischen Gedanken spielen.

Das alles hat schon einen grotesken Unterhaltungswert, weil manche Wendungen und Begegnungen etwas überzogen und überzeichnet dargestellt werden. Ab der Mitte wird es fast schon zu viel und zu zufällig, wenn das handlungstechnische Navigationssystem neue Routen aufzeigt und alte Bekannte wieder zusammenführt. Manchmal geht alles Holterdiepolter, sodass man als Leser noch neugierig auf eine bestimmte Holzkiste blickt oder irgendwo auf einer Polizeistation festhängt, während Mim & Co. schon wieder Gas geben und auf die nächste Skurrilität zusteuern. Das wiederum verlangsamt mitunter das Lesetempo und sorgt vielleicht für die eine oder andere freiwillige Verschnaufpause. Doch manchmal braucht es ein Abenteuer mit Umwegen, um an (s)ein unerwartetes Ziel zu gelangen und in dieser Hinsicht punktet „Auf und davon“ schlussendlich mit Empathie, Charaktertiefe- und Charakterentwicklung. Da lohnt der mitunter mühselige Weg ans Ziel.


Fazit


David Arnolds Romandebüt „Auf und davon“ mag sich handlungstechnisch nicht immer auf der Überholspur bewegen, besticht aber mittels eines ausgefallenen Potpourris an charakterlichen Merkwürdigkeiten und Begegnungen – irrwitzig, lebendig und kreativ erzählt, obgleich die spezielle Handschrift des Autors nicht unbedingt immer zum raschen Seitenumblättern einlädt und eher erwachsene Leser ansprechen dürfte. Wer einen sommerlich leichten Leseroadtrip ähnlich wie „Ein Sommer und vier Tage“ oder „Love Trip: Bitte nicht den Fahrer küssen!“ sucht, sollte vielleicht lieber verzichten. Denn hier steht keine Liebesgeschichte im Mittel-punkt, sondern eine mitunter (stark) überzeichnete Coming-of-Age-Geschichte der skurrilen Art. Anders und (dadurch) besonders!


Transparente Information: Hierbei handelt es sich um eine von mir bereits im Septemper 2015 veröffentlichte und aktuell überarbeitete Rezension. Damals habe ich über das Amazon Vine Produktester Programm ein kostenloses Leseexemplar erhalten. Die ANZEIGE in der Produktinformation bezieht sich auf den Verlagslink, da dort das Buch zum Direktkauf angeboten wird. Ich selbst verdiene keinen Cent mit der Verlinkung. Überdies bilde mir stets meine eigene Meinung und tue diese auch unbeeinflusst kund.

© Buchrezension by www.filimure.de / Autorin: Doreen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.