Erste Buchgedanken,  Roman

Auf den nächsten Seiten: »Fokus« von Arthur Miller ǀ Wie eine Brille die Perspektive verändert (Büchergilde Ausgabe)

Ja, was folgt eigentlich auf den nächsten Seiten? Ich dachte mir, ich stelle in dieser Rubrik hin und wieder meinen aktuellen Lesestoff vor. Also frisch begonnene Bücher, bei denen es die kommenden Seiten noch zu erforschen gilt. Denn einerseits möchte ich diesen Blog gerne aktiver befüllen. Anderseits komme ich nicht immer dazu, all meine gelesenen Bücher komplett zu rezensieren. Davon abgesehen, dass ich derzeit weniger Bücher lese als früher. Das wird sich irgendwann aber sicherlich wieder ändern.

Meine Hintergedanken: In dieser Rubrik kann ich meine ersten Buchgedanken loswerden und nach der Lektüre vielleicht ein Update verfassen. Oder die ersten Buchgedanken (bei Bedarf) später in eine komplette Rezension umfunktionieren. Und falls es jemanden gibt, der gerade das gleiche Buch liest oder bereits gelesen hat, dann freue ich mich über einen kleinen Austausch. Buchinteressierte sind natürlich ebenfalls herzlich eingeladen, spontane Gedanken zum Buch mitzuteilen. Auf die Seiten, fertig, los!


Buchinfos zu »Fokus« von Arthur Miller


Auf meinen nächsten Buchseiten begleitet mich der Roman »Fokus« von Arthur Miller, auf den ich während eines Quartalskaufs bei der Büchergilde Gutenberg gestoßen bin. Der 1945 erstmals publizierte Roman wurde aus dem Amerikanischen von Doris Brehm übersetzt und in der Büchergildeausgabe mit zwanzig farbigen Holzschnitten von Franziska Neubert kombiniert. Die Illustrationen, in überwiegend gedeckten Farben gehalten, geben dem Roman nochmals eine atmosphärische Note und fangen den historischen Zeitgeist des damaligen New Yorks fassbar ein – nebst Kleinstadtidyll im Gegenkontrast. Optisch anschaulich und schön gestaltet!

»Fokus« ist der einzige Roman des in New York City (1915) geborenen Drehbuchautors wie Dramatikers Arthur Miller, der u. a. durch seine Theaterstücke »Tod eines Handlungsreisenden« sowie »Hexenjagd« weltbekannt geworden ist. In »Fokus« thematisiert der Autor den spürbaren Hass gegenüber Juden sowie den ausgeprägten Rassismus im Amerika der 1940er Jahre. Hierzulande erschien der Roman zunächst unter dem Titel »Brennpunkt« als Hardcover- und Taschenbuchausgabe beim Rowohlt Verlag.

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Kurzbeschreibung:

New York, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs: Eine Brille verändert Mr. Newmans Leben immens. War er zuvor noch Personalchef und überwachte von seinem Büro aus Stenotypistinnen, wird er als Brillenträger plötzlich zum Opfer antisemitischer Hetze. Denn diese Brille verleiht ihm in den Augen seiner Mitmenschen ein jüdisches Aussehen. Von seiner Firma wird er auf einen niederen Posten versetzt, bis er kündigt. Und auch in seiner multikulturellen Nachbarschaft ist er zunehmend Ziel rassistischer Angriffe. Die Brille wird nicht nur zum Symbol seines gesellschaftlichen Abstiegs, sondern auch zum Augenöffner für Newman selbst…

© Bild-/Textquelle: Büchergilde Gutenberg

Originaltitel: Focus ǀ Autor: Arthur Miller ǀ Verlag: Büchergilde Gutenberg ǀ Übersetzung: Doris Brehm ǀ Illustrationen: Franziska Neubert ǀ Veröffentlichung: 2017 ǀ Hardcover: 280 Seiten ǀ Artikelnr.: 169207 ǀ Preis: 24,00 €


Ein sprachloser Blick aus dem Fenster


Im Fokus dieses mehrfach ausgezeichneten Literaturklassikers steht eine lebensverändernde Brille, die den Hauptprotagonisten Lawrence Newman kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges in einen Strudel aus antisemitischen Feindseligkeiten manövriert. Denn besagte Brille verleiht Newman ein angeblich jüdisches Aussehen. Infolge von Ausgrenzung und Diffamierung schärft sich so sukzessive der innere Blickwinkel des eingangs noch apathischen Mitläufers, der mit einem Tunnelblick durch den Alltag trottet. Dabei benimmt sich der Personalchef eines Großkonzerns zu Beginn der Geschichte keineswegs anders als seine intoleranten Mitmenschen. Alles was fremd und anders ist, widerspricht Newmans Vorstellung von Gleichartigkeit und Ordnung.

Die Teilnahmslosigkeit des Mr. Newman ist bereits im Auftaktkapitel ersichtlich. Wie im ersten Holzschnitt von Franziska Neubert abgebildet, späht ein schattenhaft skizzierter Mann des Nachts durch die Jalousien seines Fensters. Was er sieht, macht beim Lesen sprachlos und wütend. Zum einen ist da die unheimliche Szene, die sich außerhalb des Schlafzimmers auf einer beleuchteten Straße abspielt. Zum anderen sind es die Gedanken und die gleichgültige Reaktion des Beobachters, die mich beim Inhalieren der einfachen und zugleich prägnanten Sätze emotional aufwühlten. Denn das geschilderte Horrorszenario wirkt authentisch und gehört auch in der heutigen Zeit leider zur Realität. Statt Hilfe zu leisten, wird die persönliche Bequemlichkeit vorgezogen und die Unschuld des Opfers in Frage gestellt. Und wenn die Nachbarn nichts unternehmen, warum sollte man selbst etwas tun?


Eine Geschichte mit Aktualität


Leider ist auch im darauffolgenden Kapitel keinerlei Mitgefühl zu spüren. Im Gegenteil! Hier erfahren die Leser/innen anhand einer Unterhaltung, wie sich der nächtliche Vorfall fortgesetzt hat. Erneute Sprachlosigkeit! Bei einer derartigen Gleichgültigkeit sammelt der dickbäuchige Mr. Newman kaum Sympathiepunkte. Selten schafft es ein Autor/eine Autorin, dass mir eine Hauptfigur binnen weniger Seiten derart unter die Haut geht (im negativen Sinne) und mich dennoch stark an die Seiten fesselt. Spontan kommt mir da der Geizkragen Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens »Eine Weihnachtsgeschichte« in den Sinn. Nur sind es hier keine drei Geister, die den Blickwinkel für das Wesentliche verändern, sondern eine Sehhilfe aufgrund einer altersbedingten Sehschwäche.

Gewöhnungsbedürftig: Bereits nach wenigen Seiten kommen diskriminierende Bezeichnungen vor, die in der heutigen Zeit aus Respekt und folglich gutem Grund gemieden werden, damals aber zum alltäglichen Sprachgebrauch dazugehörten. Das hinterlässt einen durchaus bitteren Beigeschmack. Anderseits wird einem beim Lesen schnell bewusst, nicht zuletzt durch die appellierenden Vorworte des Autors aus dem Jahre 1984, dass dieser Roman in einer anderen Zeit entstanden ist und somit die damalige Gesellschaft widerspiegelt. Bedauerlicherweise haben die mahnenden Vorworte von Arthur Miller bezüglich Rassismus und Antisemitismus keinesfalls an Aktualität verloren. Schon jetzt ein Roman, der mir mit Sicherheit lange im Gedächtnis bleiben wird.


Transparente Information:
Die Buchbesprechung bezieht sich auf ein selbstgekauftes Buch und die Werbekennzeichnung in der Produktinformation auf den Verlagslink, da dort das Buch zum Direktkauf angeboten wird. Das Copyright für das Buchcover liegt bei der Büchergilde Gutenberg.

© Beitragsbilder + Blogbeitrag by www.filimure.de ǀ Autorin: Doreen

One Comment

  • Nicole

    Also ich finde das eine tolle Idee, um sich mit einem Buch zu beschäftigen. Fände es tatsächlich spannend, wenn du den Beitrag immer mal aktualisierst und schaust ob dein erster Eindruck sich noch fortsetzt, vor allem auch nach Ende des Buches. Da würden ja dann auch wenige Sätze zu reichen, die vilt. in 3-5 Sätzen noch mal eine Gesamtmeinung wiedergeben und falls sich was ändert an deiner Meinung, könntest du ja wenn du Zeit und Lust dazu hast ein paar Sätze mehr schreiben.

    Das Buch klingt auf jeden Fall interessant und ich glaube, mir würde es wie du gehen. Ich würde wohl auch konstant schockiert und wütend über dem Buch sitzen. Finde übrigens generell die Prämisse des Buches interessant. Schade aber, dass es noch so aktuell ist und wir leider immer noch nicht weiter sind :/. Das macht mich generell oft wütend.

    Was ich mich nur frage, wie ist denn der Schreibstil? Ist der leicht zu verstehen?

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Doreen,
    Bücher abbrechen mache ich mittlerweile aber auch. In der Jugend habe ich das echt krampfhaft durchgezogen mit dem zu Ende lesen, aber heute ist mir dafür dann meine Zeit zu schade. Ich konzentriere mich dann lieber auf Geschichten, die mir gefallen, mich fesseln oder eben Spaß machen. Alles andere ist vergeudete Zeit. Ich denke aber, dass das ein normaler Prozess ist: Wenn man weniger Zeit für etwas hat, dann bricht man auch eher ein Werk ab, immerhin ist die Leseliste ja noch ziemlich lange.

    Dankeschön für das liebe Kompliment, ich hoffe natürlich, dass sich das auszahlt :D. Jetzt mit dem nahenden Berufseinstieg denkt man über solche Dinge natürlich etwas öfter nacht und Corona sorgt da für ein paar Sorgen mehr. Aber Abwarten, ich hoffe einfach dass sich meine Ängste nicht bewahrheiten :D. Jetzt muss ich eh erstmal die Masterthesis fertig geschrieben – meine Devise also: Eines nach dem anderen.

    Ich habe es bisher immer noch nicht geschafft „One Night in Miami“ zu schauen, aber vor der Oscar Verleihung habe ich das tatsächlich noch vor, genauso wie „The Trial of the Chicago 7“, dann habe ich zumindest zwei der nominierten Filme gesehen :D. Wobei sich ja „Love & Monsters“ da im April noch dazu gesellt, dass sind aber auch die drei Nominierten, die mich am meisten interessieren von der Storyline her.

    Ich denke das mit dem sich nicht alles gefallen lassen, kommt aber auch eher mit dem Alter und der Erfahrung. In der Jugend war ich da wie du, aber ein paar unschöne Erfahrungen haben das geändert.

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